Endstation Loch

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Karin Rehm und Martin Zentner von Schattenwald. Foto: Conny Geiger

Wie ist es gekommen, dass in Stuttgart das größte Loch der Welt gegraben wurde? Dieser Frage aus dem Jahr 2053 gingen Karin Rehm und Martin Zentner von der Künstlergruppe Schattenwald letztes Wochenende am 28. 9. 2013 nach. Dazu versetzten sie die Besucher einer künstlerischen Wanderung im Umfeld des Stuttgarter Hauptbahnhofs in die Zukunft und hielten einen Vortrag über die Geschichte des Lochs, welches aus der Bauruine eines gescheiterten Großprojektes entsprang. Die sogenannte „Magistralenwanderung“ wurde von der Künstlergruppe „Begleitbüro SOUP“ veranstaltet, bei denen Karin Rehm auch Mitglied ist.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Virtuelle,

Herzlich willkommen in Stuttloch, dem neuen Loch im Herzen Europas!

Die ganze Welt blickt auf unsere schöne Stadt, die Maßstäbe in der Stadtenwicklung setzt und heute ein Magnet für Touristen aus aller Welt ist. Das Verdanken wir jenem Weltwunder, dass die Bürgerinnen dieser Stadt mit ihren eigenen Händen geschaffen haben:

Das Loch 21.

Doch wie ist es dazu gekommen, dass in Stuttloch das erste – und heute größte – Loch seiner Art entstanden ist? Dazu blicken wir ins letzte Jahrzehnt des vergangenen Millenium. Stuttgart, wie damals Stuttloch noch genannt wurde, hatte ein großes Problem. Dort, wo heute unser Loch gegraben wird, drängte sich einst die Stadt in einem Talkessel. Hunderttausende Bürger hausten in dichtbepackten Wohngebieten, freie Flächen gab es kaum noch. Damals gab es einen großen Bedarf an Büroleerstand und Einkaufszentren, für die jedoch kein Platz mehr da war. Also musste man alte Häuser abreißen. Doch das reichte nicht. Ein großes Gebiet der Stadt wurde damals von einem sogenannten Gleisfeld belegt. Im Zeitalter der Eisenbahn fuhren dort die Züge über ein Gewirr an Schienen in den Bahnhof ein, der inmitten des damaligen Stadtkerns lag. Die Herrscher von damals hatten seinerzeit die eigenartige Idee, den Bahnhof und die Gleise einfach zu vergraben. Damit sollte viel Land freigemacht werden, auf dem man noch mehr Einkaufszentren und Büroleerstand bauen wollte.

Es wurde 20 Jahre lang geplant und gestritten, doch Anfang der Zehnerjahre startete das Projekt. Doch der Plan ging nicht auf. Die Bauherrin, die damalige Eisenbahnbetreiberin Deutsche Bahn AG, hatte sich verplant. Details wie die geologische Beschaffenheit des Bodens, der Brandschutz oder die Finanzierung wurden übersehen. Das führte dazu, dass das Projekt nur zum kleinen Teil umgesetzt werden konnte. Das Ergebnis jahrelanger Bauarbeiten war eine mickrige mit Mineralwasser gefüllte Grube am Rande des Schiefen Turms von Stuttgart, dem damaligen Wahrzeichen der Stadt.

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Foto: Conny Geiger

Der Übergangsbahnhof konnte – wenn überhaupt – nur noch an drei Tagen der Woche angefahren werden. Das führte dazu, dass Stuttgart im Jahre 2026 komplett aus dem Bahnnetz gestrichen wurde. Trotzdem wurde das Projekt weitergebaut, denn es mussten Verträge eingehalten werden. Erst als die Deutsche Bahn sich im Jahre 2031 auf Grund einer Fehlplanung kurzfristig selbst abgeschafft hatte, standen die Bagger still.

Das Projekt wurde offiziell für tot erklärt und Stuttgart hatte die größte Bauruine der Nordeuropäischen Union. Die Stadt stürzte in noch tieferes Chaos. Herrenlose Baumaschinen verstopften die Straßen und Horden arbeitsloser Bauarbeiter marodierten durch die Stadt. Ein neues Projekt musste her. Das Meisterbürgerkollektiv beschloss, einen sehr ungewöhnlichen Weg zu gehen: Die Bürger der Stadt sollten Ideen entwickeln und über die Zukunft der Stadt entscheiden. Am Ende eines langen Entscheidungsprozesses gab es einen klaren Favoriten: Loch 21.

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Foto: Conny Geiger

Die Idee dazu hatte schon eine längere Geschichte: Im Jahre 2010, schon bevor der erste Spatenstich der Bahnhofsbegrabung stattgefunden hatte, gründete die damals noch nicht eingebürgerte Virtuelle Dora Asemwald die Initiative Loch 21, deren visionäres Ziel es war, in Stuttgart das größte Loch der Welt zu graben. Damals war die Welt jedoch nicht bereit, die Größe der Idee zu erkennen. Nur eine kleine Gruppe von Idealisten der Künstlergruppe Schattenwald um Karin Rehm und Martin Zentner trieb die Idee voran. Sie gründeten schon Ende der Zehnerjahre das damals noch wenig beachtete Lochologische Institut, welches Pionierarbeit auf dem Gebiet der Lochgrundlagenforschung leistete.  Als Anfang der dreißiger Jahre ein neues Konzept für die Stadt gesucht wurde, stellten sich die größten Koryphäen unter den Lochologen der Herausforderung, die Stadt der Zukunft zu ersinnen. Ihr Konzept konnte die Bürger der Stadt begeistern, am 28. September 2033 fand der erste Spatenstich statt. Loch 21 wurde geboren.

Um die Genialität ihres Plans zu verstehen, muss man in den Geist der Zeit eintauchen. Damals war der Großteil der Bürger noch materiell und mit der rapide voranschreitenden Virtualisierung der Gesellschaft überfordert. Da sie es noch nicht gewohnt waren, den Großteil ihres Lebens in digitalen Räumen zu verbringen, sehnten sie sich nach einem Ausgleich. Sie sehnten sich nach physischer Erfahrung. Für Sie war Loch 21 die Lösung ihrer Sorgen: Jeder Bürger wurde dazu aufgerufen, sich am Aushub des Loches zu beteiligen. Das Motto war einfach, aber griffig: Grab mit! Jeder packte seine Schaufel und gemeinsam legten sie los. Es dauerte nicht lange, bis aus einer brachliegenden Baugrube ein veritables Loch inmitten unserer Stadt entstand. Herausgefordert durch die Größe der Aufgabe erwachte die Bürgerschaft und entwickelte eine bislang ungeahnte Energie.  Die gemeinsame Aufgabe vereinte die Menschen und gab ihrem Leben einen Sinn in sinnlosen Zeiten. Das Loch wurde zum Nabel ihrer Welt.

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Foto: Conny Geiger

Im Sommer badeten die Kinder im Mineralwasser in den Tiefen des Lochs, im Winter liefen sie auf den gefrorenen Flächen Schlittschuhe. Im Jahr 2038 wurde Stuttgart schließlich zu Ehren des Loches in Stuttloch umbenannt. So sehr beschäftigte das Loch die Stuttlocher, dass die 7. und 8. Finanzkrise unbemerkt an der Stadt vorüber ging. Auch die 10. Wiederwahl der seit 2018 verschollenen Kanzlerin rührte die Grabenden wenig. Immer mehr Leute aus allen Ländern der Welt kamen nach Stuttgart, um das Phänomen zu beobachten. Gepackt von der Lochleidenschaft blieben viele von ihnen hier und graben noch heute mit. Das Loch wurde immer tiefer und größer und füllte bald den ganzen Talkessel aus.

Darum zogen die Bewohner des Kessels in die umliegenden Gebiete. Dort fanden sie ihr neues Heim in den Büroleerstandsvorstädten und Stadtrandshoppingmalls, die mittlerweile abgeschrieben waren. Der Aushub wurde am Rande des Loches aufgetürmt. So wuchs der Monte Scherbelino, auf welchem schon die Ruinen des 2. Weltkrieges ihre Ruhe fanden, im selben Maße wie das Loch.

Schon bald erhob sich Stuttgarts Hausberg majestätisch über unser Loch, durch die olympischen Winterspiele 2046 erlangte er Weltruhm. Bis heute wird gegraben, bis heute wächst das Loch. Und es ist auch nicht abzusehen, wann das Loch ein Ende findet. Für uns Stuttlocher ist der Weg Ziel genug. So lange wir graben, sind wir! Das Projekt ist ein durchschlagender Erfolg. Wo einst eine gewöhnliche Stadt ihr Dasein in einem düsteren Kessel fristete, sehen wir heute ein veritables Weltwunder:

Loch 21, das größte Loch der Welt!

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Das Loch, zum Zeitpunkt der „Magistralenwanderung“ am 28. September 2013.
Foto: Martin Zentner

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Wanderkarte der „Magistralenwanderung“, Begleitbüro SOUP. Die Stationen entsprechen Bahnhöfen, die an der Bahnmagistrale Paris-Bratislava liegen.

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Dieser Eintrag wurde von Schattenwald veröffentlicht.

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