Inverser Turmbau zu Babel

Bislang hab ich mich ja politisch aus allem rausgehalten. Ich kenn mich da so wenig aus, dass nicht einmal mehr improvisiertes Klugscheißen darüber hinwegtäuschen kann. Das ist natürlich etwas doof, denn Politik ist wichtig und geht uns alle was an. Aber leider ist sie auch ein ernstes Geschäft. Ernst und ich stehen jedoch miteinander auf Kriegsfuß. Ich mag ihn nicht. Meist dient er als Ausrede für mangelnde Freude an sich selbst und am eigenen Schaffen. Seinen Mangel kann man neidvoll jenen vorwerfen, die ihr Leben mit Leichtigkeit bestreiten. Wer ernst ist, ist fokusierter, verliert aber die Distanz, aus der betrachtet sich die meisten Probleme erst lösen lassen. Ich versuche ernsthaft mich und die Welt nicht so ernst zu nehmen und beobachte gerne aus ironischer Distanz.

In eben jener stolperte ich letzte Woche über einen Artikel in der Stuttgarter Zeitung. Dort wurde am Rande erwähnt, dass ein Politiker im Zorn über den Bürgerprotest gegen das Großprojekt Stuttgart21 forderte, ein großes Loch im Bahnhof zu graben um zu zeigen, dass das Projekt unumkehrbar sei. Darüber wurde wohl ernsthaft diskutiert. Obwohl ich ja wie eingangs erwähnt eher sparsam mit Ernst haushalte, habe ich mal zur Abwechslung das Thema sehr ernst genommen. Und weitergedacht. Nehmen wir an, wir graben ein ernsthaftes Loch, nicht nur so ein kleines symbolisches. Wir nehmen all das Geld, das Stuttgart21 nach Expertenmeinung kosten wird. Das wären so um die 6.000.000.000 Euro (Damit kann man bei Aldi 16.071.428.571,42 Liter Karlskrone ohne Pfand kaufen. Verteilt auf die 593.639 Einwohner Stuttgarts müsste jeder hier 54.145 Flaschen von dem Zeug trinken). Wir versaufen das Geld nicht, wir graben damit.

Wir graben das größte Loch der Welt. Einen inversen Turmbau zu Babel. Tiefer als je zuvor rücken wir der Erde zu Leibe. Die Welt wird über das Stuttgarter Loch staunen. Wie die Nabe eines Rades wird Stuttgarts Loch das neue Zentrum Europas, um das sich alles dreht. Wer will da noch einen unterirdischen Bahnhof und ein Gewirr an unterirdischen Tunnels? Wer will dann noch schneller nach Ulm kommen? Jener Politiker der hier dominanten Partei weiß wahrscheinlich gar nicht, wie gut seine Idee im Ansatz ist. Lasst uns die Schaufeln packen und Tatsachen schaffen, die unumkehrbar sind. Ich habe letzte Woche zusammen mit Thorsten Puttenat und Martin Zentner die Initiative LOCH21 gegründet und werde euch auf dem Laufenden halten, was da so geht. Im Ernst!

Text: Dora Asemwald
Bild: Martin Zentner

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Dieser Eintrag wurde von Dora Asemwald veröffentlicht.

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